Konstruktive Rissesicherung

Unter Bewehrung zur konstruktiven Rissesicherung werden Stahleinlagen verstanden, die nicht zur planmäßigen Lastabtragung genutzt werden. Sie sind also nicht für den Nachweis der Standsicherheit erforderlich. Deshalb gelten für sie nicht unbedingt die Regeln des Korrosionsschutzes, wenngleich diese auch hier als Orientierungshilfe dienen können. Auch die Einschränkungen hinsichtlich Lochanteil der Ziegel, Stegversatz, Stoßfugenvermörtelung und Mörtelgruppe wie bei statisch in Rechnung gestellter Bewehrung gelten hier nicht.

Eine konstruktive Bewehrung wird üblicherweise nicht durch statische Berechnungen nachgewiesen, sondern nach Erfahrung eingelegt. So wird auch bei Mauerwerk verfahren. Zwar liegen Ansätze für rechnerische Nachweise vor, die zur genaueren Abschätzung dienen können, jedoch genügen im allgemeinen einige aus Erfahrung gewonnene Empfehlungen.

Derartige konstruktive Mauerwerksbewehrung wird in erster Linie für folgende Zwecke angewendet:

  • gegen Risse infolge Schwinden des Mauerwerks
  • gegen Risse aus Deckendurchbiegungen
  • gegen Risse an Ecken und Höhensprüngen

Eine weitere im Ausland übliche Anwendung betrifft Mauerwerk in Erdbebengebieten.


Bewehrung gegen Risse infolge Schwinden des Mauerwerks
Die Bewehrung wird in die Lagerfugen eingelegt und hat den Zweck, Zugspannungen aufzunehmen und Risse zu vermeiden bzw. so zu verteilen, dass sie unschädlich sind. Beim Festlegen der Bewehrungsquerschnitte wird man insbesondere das Schwindmaß des Wandbaustoffes sowie die Abmessungen der Wand zu berücksichtigen haben. Es werden vertikale Abstände zwischen 25 und 50 cm empfohlen. Legt man Gitter mit 2 Stäben Ø 5 zugrunde, so entspricht dies einer Bewehrung von AS = 0,8 bis 1,6 cm2/m Wandhöhe.

Bewehrung gegen Risse aus Druckdurchbiegung
Die Abtragung von Wandlasten nicht über darunter befindliche und auf Fundamenten gegründete Wände, sondern über die Deckenplatten, ist zu einer allgemein üblichen Bauweise geworden. Einfache Herstellung und leichte Veränderbarkeit der Grundrisse sind die Vorteile. Der Nachteil besteht darin, dass Deckenplatten stets relativ biegeweiche Tragelemente sind. Die elastische Durchbiegung der Platte beim Aufbringen der Belastung vergrößert sich im Laufe der folgenden Monate durch den Kriech- und Schwindprozeß des Betons und durch Übergang vom ungerissenen Zustand I in den gerissenen Zustand II. Die Anfangsdurchbiegungen vergrößern sich dadurch im Laufe der Zeit mindestens auf das Doppelte. Während die Anfangsdurchbiegung von der frisch gemauerten, weichen und unverputzten Wand ohne weiteres aufgenommen werden kann, trifft die nachträgliche Durchbiegung die erhärtete, verputzte und spröde Wand. Wie untenstehend dargestellt, wird sich die Wand vorerst durch Bogenwirkung selbst tragen, da sie wegen ihrer großen Steifigkeit der Deckenverformung nicht zu folgen vermag. Gleichzeitig bauen sich Zugspannungen aus Zwängungen auf. Ist die Zugfestigkeit des Materials überschritten, treten Risse auf, und zwar vorwiegend vertikale Risse im mittleren unteren Wandbereich, eventuell auch horizontale Abrisse unter dem Druckbogen sowie diagonale Risse oberhalb des Druckbogens, bei Mehrfeldsystemen auch vertikale obere Risse über den Innenstützen. (siehe auch Risseursachen).

Rißbildung in Wänden infolge Deckendurchbiegung und Prinzip der Lagerfugenbewehrung als Gegenmaßnahme

Zur Vermeidung oder Verringerung dieser Risse sind folgende Maßnahmen zu empfehlen:

  • Größere Dicke der Decken. Erfahrungsgemäß sind insbesondere Einfeld-Platten gefährdet; ihre Nutzhöhe h sollte daher eher größer gewählt werden.
  • Ausführung der Trennwände in bewehrtem Mauerwerk. Die Bewehrung wird in die Lagerfugen eingelegt und hat den Zweck, die Bogentragwirkung zu stärken und Risse zu verhindern oder zumindest so zu verteilen, dass sie unschädlich sind.

Die Größe der Bewehrung wird üblicherweise auf Grund von Erfahrungswerten gewählt. Es wird empfohlen, Bewehrungsgitter gemäß untenstehendem Bild in die Lagerfugen einzulegen: Die Wandhöhe H wird in 3 Abschnitte geteilt; der empfohlene Gitterabstand ergibt sich aus untenstehender Tabelle in Abhängigkeit vom Verhältnis Wandlänge zu Wandhöhe. Der unterste Wandabschnitt ist stärker bewehrt, da sich in diesem Bereich das Zugband des tragenden Bogens ausbildet. In den oberen Wandabschnitten nimmt die Bewehrung ab, da diese Abschnitte geringeren Zug oder gar Druck erhalten. Ist die Wand jedoch über mehr als 1 Feld durchlaufend ausgebildet, können sich Stützmomente über den Zwischenunterstützungen ausbilden. In diesem Fall sollte eine kräftigere Bewehrung im obersten Wandabschnitt über den Zwischenunterstützungen vorgesehen werden.


Anordnung der Lagerfugenbewehrung in Trennwänden

vertikaler Bewehrungsabstand h

  h [cm]
  (1) (2) (3)
  unten Mitte oben
L / H < 2 25 50 75
2 L / H 4 25 50 50
L / H > 4 Dehnfugen empfohlen


Bewehrung gegen Risse an Ecken und Höhensprüngen
Einspringende Ecken an Öffnungen und Höhensprüngen sind erfahrungsgemäß besonders rissegefährdet, da sich Verformungen der Wand und Spannungen an diesen Stellen konzentrieren. Empfehlung für die Lage der Bewehrung:


Rissesicherung an Ecken und Höhensprüngen durch Bewehrung des Mauerwerks

ohne Bewehrung mit Bewehrung  
jede Fuge

jede 2. Fuge

Trennwand mit Türöffnung
jede Fuge

jede 2. Fuge

Außenwand mit Fensteröffnung


jede Fuge
Abstufung der Wandhöhe

konstruktive Rissesicherung durch Lagerfugenbewehrung